NN 17.07.2020 – Reichswald bedroht, BN kündigt Widerstand gegen Stromtrasse an

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Reichswald bedroht: BN kündigt Widerstand gegen Stromtrasse an

Fällt das Holz dem geplanten Bau der Stromtrasse „Juraleitung“ zum Opfer?

NÜRNBERG – Eine Variante der geplanten Stromtrasse soll durch den Reichswald von Schwabach über Schwand nach Wendelstein bis Winkelhaid verlaufen. Der Bund Naturschutz kündigt Widerstand an – und sieht Markus Söder in der Pflicht.

Der Wald und vor allem das Laub der Bäume dämpfen den Lärm von der Autobahn. Hier im Reichswald nahe Wendelstein ist die Fernstraße noch rund 1,5 Kilometer entfernt, hier ist die Gruppe stehengeblieben. Es ist eine kleine Ersatzveranstaltung des Bund Naturschutzes (BN), denn auch das Reichswaldfest mit Bilanz muss heuer coronabedingt ausfallen.

Einer von ihnen ist Stefan Pieger, BN-Ortsvorsitzender in Wendelstein. Mit seinem Zeigefinger deutet er auf den Schotterweg: „Eine Variante der geplanten Stromtrasse soll hier verlaufen“, sagt er. Gerade hier, wo der vom staatlichen Forstbetrieb vorangetriebene nötige Umbau des Reichswaldes von Nadel- auf Laubbäume deutlich zu sehen sei. Ein Gelände, das Teil eines FFH-Gebietes ist (FFH = Fauna-Flora-Habitat; europäisches Natur- und Landschaftsschutzgebiet). Die Botschaft der Gruppe um BN-Landesvorsitzenden Richard Mergner im Wald lautet: Der niederländische Staatskonzern Tennet, der die sogenannte Juraleitung P 53 als 380-Kilovolt-Hochspannungsleitung vorantreibt, muss mit erheblichem Widerstand aus der Bevölkerung und des BN rechnen.

Diese Trassenvariante führt über fast 30 Kilometer quer durch den Reichswald von Schwabach über Schwand nach Wendelstein, Schwarzenbruck bis Winkelhaid. Eine andere verläuft über 14 Kilometer von Kornburg über die Kornberge bei Wendelstein, nördlich Röthenbach bei St. Wolfgang, um Feucht herum, nördlich an Moosbach vorbei bis Winkelhaid. Nach Angaben des BN würden diese Trassen etwa 210 beziehungsweise 100 Hektar Reichswald kosten. Die dafür nötige Rodung wäre damit der größte Reichswaldeingriff seit den 70er Jahren und deutlich größer als für die ICE-Trasse oder den Ausbau der Autobahnen.

Wiederaufforstung könne diesen Schaden nicht wettmachen, sind sich die BN-Vertreter einig: „Wiederaufforstung heißt, man muss 100 bis 200 Jahre warten, um diesen ökologischen Wert des dann abgeholzten Waldes woanders wieder zu bekommen“, sagt Tom Konopka, Regionalreferent für Mittel- und Oberfranken.

Wolfgang Dötsch von der BN-Kreisgruppe Nürnberg sieht mit einer Rodung auch deutliche Nachteile auf die Stadtbevölkerung zukommen: „Nürnberg hat im Vergleich mit den niedrigsten Anteil an Straßenbäumen. Der Reichswald hat für die Stadtbevölkerung einen sehr hohen Wert. Wenn der Forst schwindet, wird das Atmen für die Nürnberger immer schwieriger.“

Noch jemand steht in der Gruppe, der nicht dem BN angehört, aber mit den Aktivisten am selben Strang zieht: Johannes Wurm, Leiter des Forstbetriebs Nürnberg. „2018 war das wärmste Jahr in Bayern und in Deutschland seit Beginn der Wetteraufzeichnungen 1885“, sagt er. Weitere Jahrhundertsommer habe es 2015 und 2019 gegeben. „Die Bäume leiden unter Trockenstress.“ Die Folge: Baumschädlinge wie der Borkenkäfer fressen sich bei Dauerhitze und ausbleibendem Regen verstärkt durchs Gehölz. Bei den befallenen Stämmen muss der Forstbetrieb jetzt die Axt anlegen.

„In der Zeit von 1. Juli 2018 bis 30. Juni 2019 haben wir 70 Prozent Schadholz entnommen. Bei 112 000 Festmeter sind also rund 80 000 Festmeter durch Insekten beschädigt“, erklärt Wurm. Im Jahreszeitraum bis Ende Juni 2020 haben die Förster sogar 80 Prozent Schadholz von insgesamt 119 000 Festmeter Holz errechnet. Dass es in diesem Sommer nicht so heiß ist und deutlich mehr regnet, beruhigt ihn vorerst. „Wir hoffen, dass das feuchte Klima anhält“, so der Forstbetriebs-Leiter. Um aber in den tiefen Bodenschichten der Trockenheit ein Ende zu bereiten, würde selbst ein tagelanger Regen nur wenig helfen. Der Durst der Bäume wird damit nicht gestillt, er braucht mehr: zwei oder drei regenreiche Jahre.

BN-Landesvorsitzender Richard Mergner sieht hier die Politik in der Pflicht: „Ministerpräsident Markus Söder muss den Wald ernsthaft schützen wollen. Symbolische Gesten bringen da wenig. Der Nürnberger Reichswald ist ein Prüffall für die Staatsregierung, wie ernst sie es mit dem Klimaschutz meint.“

Alexander Brock

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